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Gertrud Weil, geborene Welkanoz (1888 in Berlin) gehörte zum Kreis junger deutschen Jüdinnen und Juden, der sich um den Medizinstudenten Siegfried Lehmann bildete.

Gemeinsam gründeten sie 1916 das Jüdische Volksheim in der Dragonerstraße 22 (heute Max-Beer-Straße 5) im Scheunenviertel in der Spandauer Vorstadt. Es war eine Art Jugendtreff für osteuropäisch-jüdische Kinder, aber auch viel mehr als das. Laut Gertrud war es „eine Stätte, in der jüdisches Leben leibhaften Ausdruck fand, denn hier trafen sich Westler und Ostjuden, Gebildete und Unwissende, Menschen jeglichen Alters“. Durch den Kontakt und die Zusammenarbeit auf Augenhöhe entwickelte sich dort eine „glückliche gegenseitige Assimilation, wie sie unser Grenzdasein gebot.“

Obwohl Gertrud die längste Zeit Leiterin des Volksheims war und mehrere Aufsätze über dessen Arbeit in verschiedenen Publikationen veröffentlichte, wird ihr Beitrag zum Volksheim oft nur am Rande erwähnt oder komplett ignoriert. Dabei sagten Zeitgenoss:innen wie Gershom Scholem über sie, sie sei die „unbestrittene Zentralfigur“ gewesen. Laut Scholem: „Sie schien mir die einzige ausgebildete Sozialarbeiterin, doch darin irrte ich mich, denn von Beruf war sie Angestellte bei einer großen Bank, und tatsächlich gab es unter den Freiwilligen keine einzige professionelle Mitarbeiterin. Ihre großen Kenntnisse waren aber nichts im Vergleich zu dem ungeheuren Einfluss, ja Zauber, den [Gertrud] menschlich auf all diese Mädchen ausübte.“ Heute steht am ehemaligen Standort des Volksheims eine Gedenktafel, auf der Gertrud nicht einmal erwähnt wird.

Mit ihrem Ehemann Ernst Weil konnte sie vor den Nationalsozialisten nach England fliehen, wo sie den Rest ihres Lebens verbrachte.

Quellen/Literatur:

  1. Gershom Scholem: Von Berlin nach Jerusalem. Jugenderinnerungen, Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 1994, p. 85.
  2. Gertrud Weil: Vom jüdischen Volksheim in Berlin, in: Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik. Zeitschrift der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden und der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge und Arbeitsnachweise, 1 (1939), pp. 281–284, URL: https://archive.org/details/jdischewohlfahrtzen/page/n152/.

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